Wie hochwertiges Leder aufgebaut ist – Materialkunde, Praxiswissen und typische Fehler aus der Werkstatt
Echtleder bedeutet lediglich:

👉 Über Haltbarkeit, Alterung, Pflegefähigkeit oder Qualität sagt dieser Begriff zunächst nichts aus.
Wir bei HANS/SON Cases sehen regelmäßig Lederprodukte die
- als Echtleder verkauft werden
- sich sehr schnell ablösen, reißen, verfärben und unansehnlich werden
- in kurzer Zeit stark zu bröseln beginnen
Der Grund liegt fast immer nicht am Leder per se, sondern in Verarbeiteter Grundqualität sowie Gerbung, Aufbau und Oberflächenbehandlung.
Der Aufbau von Leder – warum die Oberfläche entscheidend ist

Die Haut als technisches Material
Tierhäute bestehen aus einer Narbenzone (oberste Schicht), eine Faserzone (als tragende Struktur) und der sogenannten Unterhaut.
Die größte Komplexität und damit auch das größte Potential besitzt die Narbenzone. Die dort vorliegende Struktur bietet u.a. anhand der natürlichen Poren sowie Elastizität die Fähigkeit zu "atmen" und die optimalste Widerstandsfähigkeit gegen Abrieb und äussere Einflüsse.
👉 Wirklich hochwertiges Leder nutzt diese Zone vollständig.
Lederarten im Qualitätsvergleich (praxisnah erklärt)
Vollnarbenleder (Full Grain Leather)
Beim sogenannte Full Grain Leather bleibt die natürliche Hautoberfläche vollständig erhalten. Um eine derartige Erhaltung der grundlegenden Struktur und damit auch das höchste Qualitätslevel zu erreichen, bedingt es mehreren ausgefeilten Schritten.
Technische Merkmale:
- offene Poren
- unregelmäßige Narbung
- hohe Reißfestigkeit
- sehr gute Rückfettungsfähigkeit
- Gerbung ist möglich
Die Grundlage bilden Kollagenfasern, aus denen tierisches Leder besteht. Diese Proteine werden durch die Verarbeitung stabilisiert, bleiben aber dennoch reaktiv.
Praxisbeobachtung:
Vollnarbenleder zeigt bereits nach wenigen Wochen erste Veränderungen – keine Abnutzung, sondern beginnende Patina.
Und genau das ist ein erwünschter Premium Effekt, anstatt ein Mangel zu sein.
Top-Grain-Leder
Der Begriff "Top-Grain-Leder" bezieht sich auf die leicht angeschliffene Narbenschicht und stellt damit eine Qualitätsstufe weiter unten dar.
Technische Merkmale:
- gleichmäßigeres Erscheinungsbild
- geringere Porentiefe
- reduzierte Atmungsaktivität
- Reduzierung um eine technische und qualitative Ebene
- Gerbung ist möglich
👉 Wird oft eingesetzt, um optische Gleichmäßigkeit zu erzeugen.
Hochwertig möglich – aber mit weniger Charakterentwicklung.
Kunstleder
Kunstleder besteht in der Regel aus einer textilen Trägerschicht PLUS einer chemischen Beschichtung die in der Regel aus PVC besteht. Diese Beschichtung ist derart konstruiert, dass diese ein echtes Leder auf den ersten Blick täuschend echt nachahmt. Durch die Eigenschaften der Beschichtung, chemischer Entwicklung und Verflüchtigung der Weichmacher wird dieses Material im Vergleich einem "Full Grain" Leder am schnellsten brüchig.
Einmal brückig geworden ist das Material damit auch verloren und auch mit viel Pflege nicht mehr wiederherzustellen. Kurzum: Eine Patinabildung ist nicht möglich.
Merkmale
- fühlt sich kühl und glatt an
- keine Feuchtigkeitsaufnahme
- keine Patina
- keine Gerbung möglich
Funktional sind Kunstlederprodukte ausnahmslos näher an Kunststoff. In Sachen Pflegefähigkeit und Langlebigkeit steht Kunstleder im Vergleich zu Full Grain im Grunde genommen auf vielen Ebenen sehr viel schlechter dar.
Gerbungsarten – der chemische Kern der Qualität
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Vegetabile Gerbung - pflanzlich basiert
Bei einer vegetabilen, also einer rein pflanzlich basierten Gerbung, finden anstatt Chemikalien natürliche Tannine aus Rinde, Holz oder Früchten Anwendung. Diese Art zu gerben ist übrigens schon mehr als 5.000 Jahre alt. Tannine sind ein Schutzstoff den die Pflanzen entwickeln um sich zu schützen, In sehr geringer Konzentration und selbstverständlich völlig unbedenklich treten Tannine auch in Weinen auf.
Derartige naturbasierte Gerbungsprozesse dauern in der Regel von mehreren Wochen bis hin zu mehreren Monaten. Sehr stark auf den Preis wirken sich die lange Herstellungsdauer, der kompliziertere Herstellungsprozess sowie die begrenzte Verfügbarkeit der Ressource Tannine.
Der Preis von vegetabil gegerbtem Leder liegt in der Regel 2-3 mal höher als der von chromgegerbtem Leder und der Marktanteil liegt in etwa bei 10%.
Nachgeschlagen kann dies z.B. unter dem Fachartikel bei Wikipedia oder folgendem englischsprachigen Beitrag von industryresearch.biz.
Materialeigenschaften
- offenporig
- formstabil
- entwickelt Patina
- reagiert auf Pflege
Werkstattpraxis
Vegetabil gegerbtes Leder „lebt“ und es verändert Farbe, Griff und Ausdruck. Abhängig von Nutzung und Umgebung, aber auch durch die jeweils individuellen Eigenschaften des Leders selbst.
Chromgerbung
Eine Chromgerbung ist im Gegensatz zur rein pflanzlich basierten eine Gerbung die auf der Verwendung von Chromsalzen aufbaut. Diese Prozesse benötigen sehr viel weniger Zeit und sind mit Stunden bis Tage im Vergleich zu vegetabilen Gerbungen sehr viel schneller und auch wirtschaftlicher ohne bei korrekter Anwendung der Prozesse einen massiven Unterschied in den Eigenschaften des Endproduktes hervorzurufen.
Anwendung findet dreiwertiges Chrom (Chrom III) statt, dreiwertiges Chrom gilt als unbedenklich und schlüpft nicht in die Rolle "gesundheitsschädlich". Qualitativ hochwertige, gut ausgesteuerte Prozesse bis hin zu Lagerung (extreme Hitze) lassen erst gar kein Chrom VI enstehen was wiederum die Ursache für Allergien ist.
HANS/SON Cases ist es ein Anliegen auf derartige Prozesse zurückzugreifen.
Chromgegerbtes Leder hat einen Marktanteil von ca 90% und das Endprodukt bei qualitativ hochwertigen Prozessen ist ein grossartiges und völlig unbedenkliches Full Grain Leder. Durch die ausgesteuerten Prozesse und Charakteristik dieser Gerbung ist es möglich einen sehr viel günstigeren Preis zu veranschlagen.
Informationen können bei Wikipedia oder der OSHA eingesehen werden.
Materialeigenschaften
- offenporig
- formstabil
- entwickelt Patina
- reagiert auf Pflege
- etwas weicher, wasserbeständiger und gleichmäßiger in der Farbe
Oberflächenzurichtung – hier entscheidet sich echte Qualität
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Offenporige Leder
Offenporige, hochwertige und intakte Leder erkennt man an:
- Aufnahme von Pflegeprodukten
- Nachdunkeln, Bildung der Patina
- Sichtbare Alterung, Bildung der Patina
👉 Pflege wirkt tief im Material, nicht nur oberflächlich
Stark pigmentierte / versiegelte Leder
Stark pigmentierte, versiegelte nicht natürlich gehaltene Leder weisen beim Kauf eine perfekt wirkende Optik auf. Allerdings werden Pflegeprodukte nicht aufgenommen, diese verbleiben oberflächlich. Es entstehen keine einheitlichen Entwicklungen, die Oberfläche verhält sich unabhängig vom Kern der Produkte. Dies resultiert recht schnell in Brüchen und der Absonderung von kleinen Teilen der Beschichtung.
Leder erkennen – Tests aus der Praxis
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Drucktest
Qualitätsleder: Delle verschwindet langsam
Beschichtetes Leder: bleibt unverändert
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Temperaturtest
Echtes Leder passt sich schnell an
Kunststoff wirkt lange kühl -
Alterungstest
Hochwertiges Leder wird individueller, bekommt mehr eigenen Charakter
Minderwertiges Leder wird „verbraucht“, bekommt Schadstellen, Oberfläche platzt auf
Häufige Fehler beim Lederkauf
Eine wirklich perfekt anmutende Oberfläche ist kein Qualitätskriterium, echtes Leder bringt immer ein Stück Individualität mit. Wie am Beispiel des Kunstleders bereits erwähnt, zeigt sich hier eine wirklich perfekte Oberfläche. Echtes Leder zeigt auch in neuem Zustand bereits ein wenig eigenen Charakter.
Keine Veränderung zu zeigen bedeutet nicht wirklich langlebiger zu sein. Werfen wir hier kurz einen Blick auf die Entwicklung der Patina, ein sehr wichtiger Indikator für die Qualität.
Aber auch ein hochwertiges Leder kann man verschlechtern und gar stark in Mitleidenschaft ziehen. Das eine Extrem sind Extrembedingungen, das andere Extrem ist ausufernder Pflege. Mehr Pflege bedeutet NICHT automatisch ein besseres Leder zu haben. Hier geht Qualität ganz klar vor Quantität und gilt sowohl für die Anzahl der Pflegezyklen als auch für die verwendeten Produkte.
Werkstattrealität:
Zu aggressive Pflege ist eine der häufigsten Schadensursachen.





